ANTISEXISTANDEMS

Heute gibt Klaus Erika Dietl Einblick in zwei Begegnungen, die er* nicht mehr vergessen wird: Eine Rolltreppe im KaDeWe – Berlin der 80er, in einem Film von Ulrike Ottinger – quillt über von Figuren aus mehreren Alpträumen, Räuschen und extra schrägen Fantasien. Die Sammlung Goetz in München gibt FREAK ORLANDO für ein Wochenende frei zum Stream. Ich schaffe es erst mitten in der Nacht den Film anzusehen und das erweist sich als die beste Tageszeit für einen Film wie diesen. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, in welche Welt mich Ulrike Ottinger eintreten lässt: hunderte von unfassbar tollen Kostümen, Ballett-artigen Bewegungen in perfekter Choreografie und so schöne Bilder, gefilmt von Ulrike Ottinger selbst. Auf der besagten Rolltreppe tummeln sich queere Körper wie sonst in keinem deutschen Film: die schlafwandlerische Magdalena Montezuma als mehrgeschlechtlicher Orlando, flieht gerade von einer Jahrmarktshow, in der sie*er als Gewichtheber*in zugange war. Verfolgt wird sie*er von einem Dutzend grunzender Männerpärchen in Lederkluft und einem Polizist*innen-Paar, die sich in wilder Gestik um einander drehen und Trillerpfeife trillern…Nur ganz kurze Stunden später muss ich – Umschnitt in die harte Realität – einen Morgenzug am Münchner Hauptbahnhof erreichen. Trotz Corona-Verordnungen sind die U-Bahnen voller Menschen. Wir müssen alle irgendwo hin. Ich bin noch immer in der Welt von Ulrike Ottinger. In dem Augenblick, als ich meinen Rollkoffer auf die Rolltreppe hebe und innerlich noch schmunzle, öffnet sich der Reißverschluss unten am Koffer und in einem Rutsch fallen alle meine Sachen unter die Füße von grunzenden Menschen, sehe ich alle meine Dinge entweder nach oben fahren und zwischen den Menschenbeinen verschwinden, oder sich am Fuße der Rolltreppe hilflos drehen: mein Tagebuch, meine Kamera, mein Stofftier und meine Verkleidungen, entschließen sich spontan, sich von einander, jedenfalls von mir zu trennen. Selbst mein jetzt leerer Koffer fährt bereits unsichtbar irgendwohin. Das grausame Ballett frühmorgendlicher Ellenbogen-Hektik ist in vollem Gange und ich stehe im Weg und zwar sehr. Eine Stimme hatte mich etwas gefragt, es ging zu schnell, erst später erinnere ich mich. Ich raffe meine Habseligkeiten zusammen und fahre hinauf. Dort sehe ich eine schwarze Frau am Boden knien und in liebevoller Gelassenheit eine meiner Merkwürdigkeiten nach der anderen in meinen Koffer zurück zu packen. Sie hatte mich unten gefragt, ob das mein Koffer sein, der da herrenlos* hinauf fährt, hatte keine Antwort erhalten, sich dann kurz entschlossen des Koffers unterwegs angenommen und oben dann begonnen, meine Dinge, durch ihren Körper beschützt, eins nach dem anderen in Sicherheit zu bringen. Ich stehe, nervlich zerrüttet, mit Stofftier und Büchern im Arm hinter ihr und möchte ihr danken. Ich bin so voller Dankbarkeit, dass ich großes Glück empfinde. Wie kann ein Mensch sich sofort angesprochen fühlen, auf einer Rolltreppe im Alptraumbahnhof München, und sofort helfend, bereit stehen? Als keine Dinge mehr angeschwemmt werden, steht sie auf und geht, ohne mich anzublicken. Wie kann ein Mensch so voller Hilfsbereitschaft sein, ohne Dank hören zu wollen? Liebe unbekannte Frau, ich möchte ein Herz bekommen, wie sie es haben und damit meine Dankbarkeit weitergeben. Liebe Ulrike Ottinger, Sie haben nicht nur die Rolltreppen dieser Welt für mich verwandelt.

Klaus Erika Dietl/ @klaus_erika_dietl

Bildcredits:Bild mit Rolltreppe:Blickle, Ursula (Hrsg.): Ulrike Ottinger. Bildarchive. Verlag für Moderne Kunst Nürnberg, 2005, S. 187.

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